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Streit bei Aldi: Wird das Ende der Trennung im Norden und Süden?



E.Laut Wirtschaftsexperten unterstreicht der neue Höhepunkt des ungleichen Familienstreites im Aldi-Clan die Notwendigkeit einer grundlegenden Neuorganisation des Rabattimperiums. “Die Trennung zwischen Aldi Nord und Aldi Süd ist historisch”, sagt Jörg Funder, Professor für Handelsmanagement an der Universität Worms.

Die Lücke, die auf eine fast 60 Jahre alte Vereinbarung zwischen den Gründungsbrüdern Karl und Theo Albrecht zurückgeht, wird zunehmend in Frage gestellt. Der Markt steht derzeit unter großem Druck. Die Wettbewerbsdynamik war so groß, dass eine weitere Konvergenz abgebildet wurde.

Ob es sich um eine formelle Fusion handelt, hängt letztendlich von rechtlichen Fragen und Bewertungsfragen ab. “Wenn diese Entscheidung getroffen worden wäre, könnte die Transaktion in zwölf bis 1

8 Monaten stattfinden”, sagte Funder gegenüber WELT. Dies ist jedoch keine notwendige Voraussetzung für eine weitere Verknüpfung der Geschäftsprozesse.

Quelle: WELT-Infografik

Aldi Nord wurde immer als der schwächere Teil der Handelsgruppe angesehen, und die Streitigkeiten zwischen den Eigentümern könnten weiter nachlassen. Unter den Erben brodelt seit langem ein Streit um Geld und Einfluss, der nun in Vorwürfen der Untreue gipfelt.

Generalstaatsanwalt Kiel Henning Hadeler bestätigte WELT-Berichte, dass im August ein privates Strafverfahren wegen Untreue eingeleitet worden sei. Die Anklage wird untersucht, sagte Hadeler. Ein Sohn der Aldi-Nord-Erbin Babette Albrecht soll ihre Mutter, vier Schwestern und einen Anwalt der Untreue zum Nachteil der Jakobus-Stiftung, einer der Eigentümerstiftungen, beschuldigt haben. Sie haben diesen Familienmitgliedern fälschlicherweise Millionen von Dividenden gezahlt. Hadeler wollte die Erfolgschancen der Anzeige nicht kommentieren.

Die Jakobus-Stiftung hält einen Anteil von 19,5 Prozent an Aldi Nord. Zwei weitere Stiftungen, die von der tief katholischen Gründerfamilie nach den biblischen Figuren Luke (19,5 Prozent) und Mark (61 Prozent) benannt wurden, teilen sich den Rest des Unternehmenskapitals.

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Kurz nach dem Tod von Miterbin Berthold Albrecht im November 2012 kam es zu einem erbitterten Rechtsstreit über die Zusammensetzung des Vorstands der James Foundation. Laut Bertholds Witwe Babette Albrecht und ihren Anwälten war eine von ihrem verstorbenen Ehemann unterzeichnete Änderung der Satzung der Stiftung ungültig und schränkt den Einfluss der Familie zugunsten der Geschäftsführung von Aldi Nord ein.

Berthold Albrecht war zum Zeitpunkt der Änderung der Satzung rechtlich nicht zuständig, heißt es. Formal richtete sich der Prozess gegen den Bezirk Rendsburg-Eckernförde, der die Aldi-Stiftungen überwacht.

Im Jahr 2017 erklärte das Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein (OVG) die Änderung der Satzung jedoch für legal. Neben zwei Familienmitgliedern sollten zwei Manager für den Stiftungsrat verantwortlich sein.

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Das Management von Aldi Nord reagierte erleichtert. “Die Bewertung und die daraus resultierende Klarheitssituation sind wichtig für die Zukunftssicherheit der Unternehmensgruppe”, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Aber der Seufzer der Erleichterung war zu früh. Der Rechtsstreit wurde vor das Bundesverwaltungsgericht gebracht, das das OVG-Urteil im Jahr 2019 bestätigte. Danach muss der Vorstand der Jakobus-Stiftung, der aus zwei Töchtern von Babette Albrecht und dem Anwalt besteht, besetzt werden.

Dies ist jedoch offensichtlich noch nicht geschehen. Beschlüsse über Zahlungen von rund 25 Millionen Euro pro Jahr an die Erben seien daher nicht wirksam, sagen Gegner.

Streitigkeiten über Familienunternehmen sind keine Ausnahme

Streitigkeiten in Familienunternehmen sind nicht gerade selten. Das Beratungsunternehmen PwC hat Zank im Clan einmal als “Achillesferse des Familienunternehmens” bezeichnet. Unter anderem der Lebensmittelriese Dr. Oetker, die Darboven-Kaffeedynastie und das Gebäck der Bahlsen-Gruppe.

Ein harter Streit muss die betroffenen Unternehmen nicht vom Kurs abbringen, kann aber dem Unternehmen dauerhaften Schaden zufügen. “Streitigkeiten wirken sich in der Regel negativ auf den Erfolg eines Unternehmens aus und können langfristig sogar zu einer Fusion, Insolvenz oder einem Verkauf führen”, schloss eine Studie der Universität Marburg.

Im Zweifelsfall hätte Aldi Nord eine bessere Alternative. Das Unternehmen kann engere Beziehungen zu Aldi Süd, dem stärkeren der beiden Schwesterunternehmen, anstreben. Aldi Süd hat bereits eine einfachere Eigentümerstruktur.

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Bisher sind keine Spannungen über die Siepmann-Stiftung bekannt, die das gesamte Grundkapital in einem mit Aldi Nords vergleichbaren Umfang kontrolliert. Zusammen würden die Discount-Zwillinge aus dem Ruhrgebiet mit einem geschätzten weltweiten Umsatz von 106 Milliarden Euro zu den mächtigsten Akteuren gehören.

In Deutschland würden sie ihren ewigen Rivalen Lidl mit 29,5 Milliarden Euro (2019) in 4128 Filialen verlassen. Es werden jedoch 16,4 Milliarden Aktivitäten von Aldi im südlichen Teil gemeldet, was ebenfalls als rentabler angesehen wird.

Tatsächlich hat der Prozess der Annäherung bei der Arbeit längst begonnen. “Beim Einkauf arbeiten beide Unternehmen im Lebensmittelbereich bereits eng zusammen”, sagt Funder, der seit langem mit Discountern und anderen Einzelhändlern zusammenarbeitet. Erst Mitte März gaben beide Aldi-Schwestern bekannt, dass sie ihre eigenen Marken zusammenführen würden.

“Bis Ende 2020 sollte die Mehrheit der Eigenmarken im Standardprogramm und in den Werbeartikeln identisch sein”, sagten sie. Es ist mehr als nur ein Schritt. Vielmehr legen Aldis Eigenmarken den Grundstein für den Kern des unternehmerischen Konzepts und der Wachstumssamen, mit denen Karl und Theo Albrecht mit ihrem revolutionären Konzept ab den frühen 1960er Jahren den Lebensmittelhandel ausschalteten und ihre Familie zu einer der reichsten in Deutschland machten.

Quelle: WELT-Infografik

Obwohl die bisher günstigen Einheimischen inzwischen unzählige Markenprodukte in die Regale gestellt haben, bilden ihre eigenen Marken wie Almare (Fischprodukte), Feurich (Pommes) oder Moser Roth (Schokolade) weiterhin das Zentrum des Aldi-Universums. “90 Prozent des Sortiments bestehen aus Marken, die nur bei Aldi erhältlich sind”, sagen die Einzelhändler.

Fachleute waren immer verwirrt über die Vorteile der jahrzehntelangen Markensparte – zum Beispiel bei Milchprodukten in Milfina (Süden) und Milsani (Norden). Die Harmonisierung geht nun mit einer allgemeinen Überarbeitung der Eigenmarken einher, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Lidl, aber auch gegenüber den starken Supermarktketten wie Edeka und Rewe zu stärken.

Die beiden Aldis arbeiten bereits in anderen Bereichen zusammen, darunter IT-Infrastruktur, Marketing und PR. Funder geht noch einen Schritt weiter. “Aus Marktsicht” ist ein Ende der Teilung der Marke Aldi selbst mit ihren unterschiedlichen Buchstaben und Logos “Nord” und “Süd” besser.

Der Druck, Geschäftsprozesse so effizient wie möglich zu gestalten, wächst. Bei Aldi Nord waren im Laufe der Jahre strukturelle Probleme aufgetreten, nicht zuletzt ein Modernisierungsdefizit in Tausenden von Branchen. Das Management wirkt dem mit hohen Investitionen entgegen, dies geht jedoch zu Lasten der Einnahmen.

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Die Rabatte sind auch nicht die natürlichen Wachstumskönige im Lebensmittelhandel. Mit dem zunehmenden Einstieg in Markenprodukte von Henkel, Haribo und Coca-Cola haben sie sich vom absoluten Kostenbewusstsein verabschiedet – und treffen auf den entschlossenen Widerstand der Spitzenreiter.

Lionel Souque, CEO von Rewe, machte deutlich, dass er Aldis Preisführerschaft bei Markenartikeln nicht tolerieren würde. Selbst mit der aktuellen Preisverfolgung gegen Lidl während der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung ist es keineswegs sicher, dass Aldi am Ende sein wird.

Ob und wann die Standardisierung des Tagesgeschäfts zu einer gesellschaftsrechtlichen Fusion führt, hängt wahrscheinlich nicht nur von rationalen Überlegungen ab. Die laufenden Argumente zeigen, wie stark die Emotionen der Teilnehmer eine Rolle spielen. Bisher haben Unternehmen solche Spekulationen zuverlässig bestritten.


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